„Ist das etwa Eyeliner“


„Nein, man nennt das Kayal, aber ja, das ist Make-Up“,

solche Sätze höre und sage ich häufig. Schminke zu tragen wird zunehmend liberaler gesehen, doch bis vor wenigen Jahren war das Tragen von Make-Up entweder derartigst trans* oder derartigst schwul, dass es in anderen Kontexten gar nicht mehr zu denken war. Außer natürlich bei Frauen, die sich für das ästhetische Wohlbefinden der Männerwelt ja hübsch zu machen hatten. Da war auch noch niemand darauf gekommen, dass manche Frauen einfach gerne Make-Up tragen würden – geschweige denn Männer.Das Tragen von Make-Up, und deshalb mache ich es zeitweise sehr gern, bricht mit einer Sache die viel tiefer sitzt als Kayal im Gesicht und wasauchimmer für eine sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität, nämlich die knallharte Männlichkeit. Toxische Männlichkeit, um genau zu sein, doch warum sie toxisch ist, davon will ich erzählen: Als ich aufwuchs (und das war auf dem Dorf), da war homosexuell und trans* noch das Gleiche und alles, was nicht eindeutig in die harte Schale des starken Männlichen gedrückt werden konnte, war per se „schwul“. Ich kann verstehen, dass manche Menschen aus dem Dorf davon irritiert waren, dass sich eine Identität aus mehreren Merkmalen zusammensetzen kann und dass diese auch sehr oft quer aus dem Spektrum von maskulin bis feminin stammen – doch sie könnten mal aus seiner Tellerrand-Komfortzone herauskommen!In der Mittelstufe habe ich begonnen mir die Haare zu färben, sowohl bunte, knallige, als auch gedeckte und „natürlichere“ Farben. Es war ein großer Spaß für mich, doch es gab Situationen in denen mich beispielsweise einmal ein Freund fragte, ob es nicht komisch für mich wäre, dass auf den Haarfarbenpackungen, die ich kaufte nur Frauen abgebildet waren; mir war das egal. Ein anderes Mal (ich hatte sie rubinrot gefärbt), weigerte sich meine damalige Freundin mit mir in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, weil es offensichtlich war, dass ich die Haare gefärbt hatte. Ich war immer der Paradiesvogel, der Freak, der geduldete Merkwürdige – dessen Merkwürdigkeiten so lange okay waren, wie man sie betrachten und bereden konnte, aber nicht wenn sie einfach rigoros in den Alltag getragen wurden. Als mir klar wurde, dass ich mit solchen Dingen die gewohnte Welt ein Stück weit aus den Angeln heben konnte, begann ich damit zu spielen und entdeckte auf dem Weg etwas schwerwiegenderes. Männer tragen kein Make-Up, weil es „unmännlich“ ist, sie tragen selten Kleidung, die aus der Norm herausfällt, weil es „unmännlich“ ist, sie lackieren sich nicht die Nägel, weil das „unmännlich“ ist, sie zeigen auch keine Gefühle außer Wut, weil alles andere „unmännlich“ ist. Es wird aufgefallen sein, dass alles „unmännliche“ oft als „feminin“ konnotiert wird, doch ich habe ganz bewusst das Wort benutzt, welches ich am häufigsten dafür höre: Unmännlich. Feminin gilt scheinbar als schlecht, als abwertend und negativ – und auch das ist nach außen getragene Toxizität, giftig für das Selbstbild aller Menschen mit femininen Merkmalen.
Dabei ist es ganz und gar nicht „unmännlich“ sich zu Schminken, die Nägel zu Lackieren, die Haare zu Färben, flatternde Klamotten zu tragen oder auch Emotionen zuzulassen, zu zeigen, Verletzlichkeit zu offenbaren und es nicht zu Regel zu machen alles hinter einem harten Panzer verstecken zu müssen. Das ist nicht „unmännlich“ das ist menschlich. Ich habe vielfach gehört, dass der Besitz von femininen Merkmalen, als Mann, negativ gesehen wird; so als wäre es etwas schlechtes. Nein, schlecht ist alles zu unterdrücken, was uns als Wesen ausmacht, nur um dem Alpha-Klischee zu entsprechen. Und wisst ihr was? Selbst Kollegah kann traurig sein und vielleicht wird er sich die Haare färben, wenn diese mal grau werden. Diese Alpha-Male Männlichkeit ist giftig, sie führt dazu dass Emotionen nicht raus gelassen werden und Identitäten zu Gunsten eines künstlichen Bildes verfälscht werden. Das Unterdrücken von Emotionen macht krank, das Nichtausleben von Individualismus macht traurig und beides zusammen ist giftig –  sowohl für den Körper als auch das Wohlbefinden.
Das Tragen von Make-Up ist für mich nicht nur einfach Spaß daran, sondern gleichzeitig auch ein gesellschaftliches und politisches Statement, dass ich das als Mann sehr wohl kann und wer glaubt es wäre weniger männlich, hat viel eher ein Problem mit seiner eigenen Männlichkeit, als mit meiner!
Wegen solcher Männer, solche die sich über die Abgrenzung von eventuell femininen Merkmalen zu definieren zu scheinen, wegen denen entsteht dieses Mackertum teilweise. Woher sonst kommt die Tendenz sich immer als knallharter Gegner, als Bestimmender, als Bändiger des Löwen in jeder Gesprächssituation, jeder Flirt-Situation, jedem Uni-Kontext, jedem verbalen und nonverbalen Äußern überhaupt darstellen zu müssen?Wir alle haben Merkmale, Macken und Facetten, die sowohl maskulin, als auch feminin sein können und vielleicht sollten wir uns auch von diesen dichotomen Begriffen verabschieden und sie als das bezeichnen, was sie sind: menschlich!

dieser Text erschien im mantis magazine