Mitsommermond

Ganz leise plätscherten die Wellen gegen die Steine. Das trübe braune Wasser bewegte sich sanft wie im Takte einer Musik die zwar schön, aber dennoch nicht zu vernehmen war. Das Einzige was gewiss daran war, war nun mal dass sie schön war und genau dieser Gedanke reichte. Ihr linker Arm glitt langsam, fast vorsichtig an ihr herunter und verharrte kurz über der spiegelnden Fläche. Zögerlich, man konnte schon sagen, beinahe zärtlich ließ sie ihre Fingerkuppen vom Wasser benetzen. Die Farbe mischte sich jetzt schon seit einigen Minuten mit der des Himmels. Ihr Blick löste sich vom Wasser und wanderte zum Horizont, doch sie blickte in weitere Ferne. Wolken und letzte Sonnenstrahlen hatten sich gleichsam entzündet und in diesem Inferno an flüssig wirkendem Licht saß sie nun schon eine ganze Weile. Ein um ein Haar lauteres Plätschern riss sie vom Horizont fort und ließ sie bemerken, dass auch ihr Kleid, welches sonst von weißlicher Reinheit strahlte, nun ebenfalls das flammende Licht wiederspiegelte. Sie zog die Hand aus dem Wasser und zerrieb dessen verbliebene Tropfen zwischen den Fingern. Dann stand sie auf. Nicht hastig, auch nicht schnell oder gar hektisch. Es ging eine Ruhe von ihr aus, die sie selbst überraschte. Wohl aber musste sie sich beeilen, denn verpassen wollte sie es ganz gewiss nicht. Sie langte nach den flachen Schuhen auf dem Boden neben ihr und schlüpfte hinein. Während sie losging und sich den Weg in die schmalen Gassen suchte, hörte auf das kaskadige Klacken ihrer Schuhe auf dem Pflaster. Fassaden; alt, heruntergekommen und doch irgendwie schön zogen an ihr vorbei.Die Gasse mündete in einen kleinen Platz und ergoss den Klang ihrer Schritte in die dumpfe Stille. Erst nach ein paar Sekunden fiel ihr die feine violette Nuance im Licht auf. Ein Lächeln huschte verspielt über ihr Gesicht, verharrte kurz und lief dann weiter, genau wie sie.Ein paar alte Frauen saßen auf einer Bank vor einem Haus und lachen herzlich über irgendetwas.Als sie vorbei ging verfing sich ihr Blick flüchtig in denen der Frauen und ihr wurde so viel Lebensfreude gewahr, dass sie ein weiteres Mal lächelte, diesmal länger.
Sie beschleunigte das Klacken ihrer Sohlen und es wurde rhythmisch. Sie bewegte sich nicht schnell, aber schnell genug um in sich selbst den Eindruck zu hinterlassen nicht zu trödeln. Das Plätschern ihrer Schritte ließ eine Katze aufschauen, die sich auf einer Fensterbank niedergelassen hatte. Ihr prüfender Blick streckte seine Fänge nach ihr aus, doch bevor er sie erreichen konnte, übermannte die Katze die Müdigkeit. In Ihrem Kopf Klang ein Gedanke an. Ein simples: „Was wäre wenn“. Er breitete sich aus und bettete alles Bewusste unter einer Decke von Glücksgefühl. „Was wäre, wenn Er hier wäre“.Ihr Puls erlebte Aufwind und ihre Augen begannen das letzte Tageslicht funkelnd wieder auszuteilen. Der hastig zurückgelassene Blick zum Himmel, verriet ihr flüsternd, dass sie sich beeilen musste. Jener Gedanke im Kopf unterwarf sich Metamorphose und fragte die Stimme, die sie das Ich nannte, wo Er wohl warten würde. Wo wäre Er zu finden, an diesem Tag, wie er einzigartiger nicht sein konnte.Er würde dort sein, wo Er immer war. Nirgendwo sonst. Gerade heute, musste es einfach sein. Es war der Drang nach perfektusum  in momenti der sie beflügelte. Alles was sein konnte musste heute sein, musste jetzt sein, musste einfach sein. „Sein“. Ein zweiter Gedanke korrelierte mit dem ersten und entwickelte das Gefühl des Seins. Das Gefühl wurde nach Außen getragen und gut sichtbar auf ihrer Mimik abgebildet. Sie strahle mehr Glück aus, als sie beabsichtigt hatte und teilte mehr aus, als nötig gewesen wäre.  Je näher sie der Stelle kam, an der Er sein sollte, desto unruhiger wurde sie. Das unaufhörliche Klacken ihrer Sohlen wurde zum Staccato aus Tapp-Geräuschen und sie achtete nicht mehr auf den Weg. Es war der Weg, den sie tausende Male gegangen war, doch jedes Mal kam es ihr neu vor. So als würde sie jedes Mal die ersten Spuren im Neuschnee machen. Die Häuser zogen sich unmerklich zurück und gaben den Weg frei auf ein Stück Grasland, welches bis zum Fluss hinunter führte. Im Gegenlicht der sinkenden Sonne sah sie die Silhouette eines Menschen mit der einer Bank verschmelzen. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und teilte vorsichtig das Gras unter ihren Füßen. Vorsichtig schritt sie hinter die Silhouette. Ihr Atem verharrte einen Moment in ihrem Körper, während sie der Silhouette von hinten die Finger über die Augen legte. Dann ließ sie den Atem langsam entweichen und die strömende Luft streifte Seinen Nacken. Die Silhouette drehte sich nicht um, einzig die Bewegung eines Lächelns in seinem Gesicht verriet ihr, dass Er sie erkannt hatte. Fließend ging sie um ihn herum und ließ sich neben ihm nieder.Er schaute sie an und das ultraviolette Licht der Sonne brach sie in einen Augen in alle erdenklichen Bestandteile. Der Gedanke des Seins erlangte Bestätigung. Sie existierte, mehr als alles andere, mehr als sonst. Eine unmerkliche Brise erstieg die Böschung und strich über ihre Haut. 
Einzelne Härchen erlagen dem Wunsch sich der Sonne entgegenzurecken und ein Schauer risselte ihre Wirbelsäule hinab.Ihr stolpernder Blick kam in seinem zur Ruhe und sie fand darin, was sie nun schon eine Weile vergeblich gesucht hatte. Einen Grund. Einen Grund für das Leben. Die Stimme, die sie das Ich nannte fasste dieses Gefühl in klare Worte. Sie existierte nicht bloß, sondern sie exisitierte, weil sie es wollte!
Doch was sie auch wollte war ein zweites völlig irdisches und gleichzeitig doch göttlich-vergebenes Gefühl.Unmerklich veränderte sich die Raffung ihrer jungen Haut um ihre Augen und sein Geist reagierte sofort. Die Kommunikation war reibungslos. Ihre Gesichter nähert sich auf wenige Zentimeter und sie fühlte, wie sich sein warmer Atem mit der kühlen Brise des Flusses vermischte. Unfähig der Schönheit um sich herum Herr zu werden verdunkelte sie ihre Augen und legte den Moment nun in seine Hände.Ein Herzschlag beklemmenden warten hallte in ihre Bewusstsein, dann spürte sie die weiche Sattheit seiner Lippen auf ihren. Eine kleine Flamme, versteckt in einer Nische im Thronsaal ihres Verstandes begehrte auf und entfachte einen Brand, wie der dem am Himmel nur gerecht kam. Sie erwiderte seinen Kuss aus voller Leidenschaft und gab sich ganz dem hin was war. Diesem einen Moment, wie er realer nicht sein konnte und dennoch sofort so unerreichbar sein würde, wäre er vergangen.Doch sie ließ ihn nicht vergehen. Noch nicht.Im entschlossenen Griff ihrer Seele wand er sich, streckte sich und krümmte sich um schließlich zu entfliehen.Seine Lippen lösten sich. Ihre Augen erblickten wieder das letzte Tageslicht und darin lag sein Lächeln wie ein Fels in der Brandung.Das Licht war weniger geworden.Violettes Zwielicht zeichnete Konturen auf sein Gesicht und ließ es künstlerisch wirken.Sie fing das Lächeln auf und gab es unverfälscht zurück.Perfektusum in Momenti.